Bitte mitmachen:
ePetition für RADIO BLAU   .



Hauke von Grimm "Fracht" (Edition PaperONE)

Bislang war er eher nur im Team lesbar, im LE-Allstars-Team zum Beispiel in den beiden Bänden "Revierköter": Hauke von Grimm, 33 Jahre alt, 2004 aus eigenem Antrieb nach Leipzig gezogen. Und dageblieben. Jetzt hat er ein Bändchen Erzählungen vorgelegt: "Fracht".

Eisenbahngleise enden auf dem Cover in der Wildnis. Aber dahin führt die Reise nicht. Und wer Erzählungen Jack Londonschen Ausmaßes erwartet, ist auch auf dem falschen Bahnsteig. Sven-André Dreyer deutet in seinem Vorwort zumindest schon einmal an, dass der Bursche, der hier drauflos plaudert, eher unter die Philosophen gehört. Und ein gut Teil seiner nachdenklichen Stücke sind denn auch eher philosophischer Art. Aber halt nicht à la Kant, Hegel oder Adorno. Diese Herren scheinen irgendwie niemandem mehr richtig Lesespaß zu machen.

Es ist eher das stille Phantasieren, das Kinder noch kennen, Jugendliche immer seltener und Erwachsene fast gar nicht, das Nachdenken über das seltsame Ich im seltsamen Jetzt, das dann auch mal die keineswegs abwegige Frage ergibt: Was passiert eigentlich, wenn ich morgen früh im falschen Körper aufwache: kafkaesk ist das natürlich. Wie in "Kafkaesk am Montagmorgen", das Hauke gleich in zwei Varianten anbietet. E könnte ja sein, man wacht unverhofft mitten in Afrika auf - und muss am Ende Amerika von den landgierigen Weißen befreien.

Ein Dämon hat in Haukes Geschichten genauso sein Plätzchen wie eine unverhofft vorhandene Ehefrau, die das Leben des Schwerenöters auf legere Art und Weise einfach unter ihre Regie nimmt. Das soll vorkommen, genauso wie die Sache mit den Hunden und Katzen oder die unverhoffte Flucht vor ein paar muskelbepackten Burschen, die dann trotzdem da endet, wo der Held gern hin wollte: in der Wohnung einer umwerfenden Schönheit.

Man ahnt: Phantasie fehlt dem Manne nicht. Und Erzählungen sind's auch nicht. Eher gehört das, was Hauke sich so in die Tage hinein denkt und ausgedacht hat, eher in die kleineren Schubladen Geschichte, Fabel, Miszelle - letzteres ja gern benutzt als Sammelbegriff für so manches, was in klassische Muster nicht passt. Glosse passt auf das ein oder andere auch. So genau nimmt's der Meister der Fabel nicht. Manchmal spart er sich auch die Fabel, und dann ist es wohl eher ein Mini-Essay. So wie der über die komische Sache mit der Liebe ("Das vergebliche Leugnen der Liebe") oder die diversen Lebensalter ("Ultra-Violett", "Ultra-Rot").

Selbst der Akt des Schwimmen-Lernens bekommt eine philosophische Dimension (Immerhin geht's hier um Gut und Böse). Und mit "Fracht" geht's auch nicht auf den Schienenweg, sondern auch wieder auf die Laststraße des Lebens. Es geht also bunt durcheinander Gärtlein des Dichters, der manchen Kurztext auch so schreibt, als hätte es ursprünglich mal eine Ballade werden sollen. Prosa-Gedicht also. So wie Grimms erster Text "...".

Immerhin haben 21 dieser kurzen Texte in das Buch gepasst, Texte, die der Autor teilweise schon seit Jahren mit sich herumtrug. Einige haben die Müh nicht gescheut, sich zu richtig flotten Geschichten auszuwachsen. Andere bleiben lieber noch im lyrischen Reich. Vielleicht werden sie noch gebraucht. Der Autor ist ja noch jung und muss sich für gelegentliche Auftritte bei der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz auch noch was aufheben. Mancher kennt ihn auch von "Lesbar" aus Radio Blau, noch so einem durstigen Wegrandgewächs, der derzeit auf Abwicklung steht, weil die erstinstanzlichen Entscheider lieber auf den Weihnachtsmann warten.

Für alle, die also wissen wollen, was im Kopf eines Burschen wie Hauke von Grimm vor sich geht, gibt's das entsprechende Allwetter-Paket jetzt also als handliches Leseprodukt. "Fracht ist etwas, das beschäftigt", schreibt Grimm in seinem Text "Fracht". Und so manches kann einen schon beschäftigen. Am Montagmorgen etwa. Wenn Sie nicht in einem Beduinenzelt erwachen, haben Sie wahrscheinlich noch mal Glück gehabt.
__

Jon Fosse "Schlaflos" (Rowohlt)

Unscheinbar und leicht liegt es in der Hand, auf dem Cover steht eine winzige Figur im dunklem Blau, das nach oben heller und grün wird, doch nichts wird heller in dieser Erzählung.
Beschrieben werden die Leben von Alida und Asle und wie sie untrennbar miteinander verknüpft sind. Zwei Verlorene, die verstoßen dahin treiben im norwegischen Spätherbst, um eine neue Heimat zu suchen. Alida ist schwanger und Asle trägt die Geige seines verstorbenen Vaters bei sich und beide sind zu jung. Das helle an Fosses Text sind die Erinnerungsfetzen von Asle, die Löcher in die dichten Wolken schlagen und doch schon die Dunkelheit ahnen lassen.
Der Plot von „Schlaflos“ wäre schnell erzählt, aber genau da zeigt sich Fosses Geschick dieser Geschichte Leben und Kontur zu geben ohne zu langweilen. Eine einfach geschilderte Liebesgeschichte hält den Leser mit Spannung bei sich und belohnt ihn mit einer schweren Melancholie. Betörend und bestürzend erzählt der Autor und lässt uns neben dem Paar stehen und mit ihnen in der Herzlosigkeit und Kälte schlottern.
Der norwegische Dramatiker Jon Fosse versteht sein Handwerk, fast lyrisch schreibt er, so das man eintauchen kann oder besser mitschwimmt und mitfühlt mit diesem entgleisten Pärchen und ihnen ihre Ausweglosigkeit abnimmt.
Wenn es nicht so schaurig wäre könnte man „Schlaflos“ eine wunderschöne Geschichte nennen.

__

Joseph Gelinek "Die 10. Symphonie" (Knaur)

Dass dieser Thriller ein Erstlingswerk ist, habe ich beim Lesen an keiner Stelle gemerkt, denn es verstand mich zu fesseln wie Bücher internationaler Größen im Kriminalgenre. Einmal in die Hand genommen, wird es nicht mehr loslassen.
Mit Geschick wird in „Die 10. Symphonie“ die eigene Suche nach Teilchen zur Lösung des Ganzen beim Lesen beiläufig mit einem umfangreichen und interessanten Wissen der Musikwissenschaft garniert. Aufgelockert durch Ort- und Zeitsprünge sowie Notenzeilen und fremdsprachige Zitate wird sowohl die Aufmerksamkeit des Lesers gefordert als auch seine Phantasie auf Reisen durch verschiedene Länder und Jahrhunderte geschickt.
Der Dirigent Ronald Thomas, der in Madrid anlässlich eines Privatkonzerts die von ihm rekonstruierte Fassung der verschollenen 10. Symphonie von Beethoven aufführt, verliert darüber den Kopf. Woraufhin sich der als Gutachter eingesetzte Musikwissenschaftler und Beethoven-Experte Daniel Paniagua mit der Polizei von Madrid den Kopf zerbrechen muss, wie das Puzzle aus dem kopflosen Dirigenten, der verschollenen Partitur von Beethoven und einem mysteriösen lächelnden Beethoven-Gemälde zu lösen sei.
Man mixe Beethoven und seine letzte Symphonie, die Nachfahren Napoleon Bonapartes und eine Guillotine – und man erhält mehrere Stunden spannende Lektüre.

__

HC Roth „Der Tag als Berta Blumfeld starb“
(Edition Paper ONE)

Was haben Karl Heinz, Ralf Ralfson, Staubi Staubsauger, der Patron, Filip Fisch, der Freitag, Camilla, Nachbar Fatzke, ein kleiner grüner Frosch, Gerda, Haimo Haifisch, Schorsch Scholle, 2 Aliens und ein berühmter Rockstar gemeinsam und vor allem, was haben sie mit dem Tod von Berta Blumfeld zu tun? Am Anfang noch nichts. Da sind nur Fragen über Fragen. HC Roth nimmt uns mit in seine Kurzgeschichten, die vor Skurrilität nur so überschäumen. Man beginnt das Buch ohne zu wissen in welch abenteuerliche Reise es einen hineinzieht, denn, ein Anfangs unsichtbares Band oder besser Netz verbindet alle Geschichten zu einem Kosmos, der kein Stück dieser Welt auslässt, sei es unten im Meer oder hoch in den Lüften. Kaum zu glauben, aber alle genannten Charaktere haben in ihrer Geschichte eine Haken ausgeworfen der in einer Anderen etwas zum festhalten findet. Der Autor, der nebenbei noch Radiomacher, Liedermacher und Punkrocksänger ist, hat hier eine feine und spannende Sammlung gut erdachter und galant zusammengebastelter Kurzgeschichten abgeliefert die auch als Roman verstanden werden können. Ganz leicht und wie nebenbei erzählt er die einzelnen Begebenheiten als wäre er überall dabei gewesen und würde uns nun am Tresen einer Bar, vielleicht der von Camilla, exklusiv davon berichten. Immer wieder schweift er mittendrin ab um erklärend mit einer anderen Story auszuholen, ohne dabei den Faden, bzw. das Netz zu verlieren. In „Der Tag als Berta Blumfeld starb“ gibt es Anglerlatein vom feinsten und von beiden Seiten der Schnur.
Was das alles nun mit Berta Blumfeld zu tun hat, erliest man sich am besten selbst.

__

Lorenz Langenegger "Hier im Regen" (Verlag Jung und Jung)

Es gibt wunderbare Erwachen und aber auch nicht, das von Walter ist sehr seltsam und beginnt mit dem Schock, da ein fremdes Kleidungsstück in der Wohnung seiner Frau zu seien scheint. Natürlich ist es nach dem Eintritt in den Stand der Ehe auch seine geworden. Die Wohnung wie auch das Kleidungsstück. Als die Frau aus dem Haus ist, um über die 3 Feiertage die Eltern aufzusuchen bleibt ein komisches Gefühl und die Frage, warum Walter oder besser Jakob Walter in Bern lebt. Hinzu kommt der Tod seiner Schildkröte Moriz und eine Unruhe die ihn lange nicht mehr gepackt hat. Beim Sichtreibenlassen durch die bekannt und gewohnten Straßen eines wunderschön beschrieben Berns führt sein Weg ihn zu Rolfs Kneipe. Rolf ist ein bester Freund gewesen, aber Schänken und Ehe haben sich etwas voneinander entfernt. Rolf ist weg, verschwunden, nach einem Bad in der Aare. Und es regnet.
Vorab muß ich erwähnen, dass ich dieses Buch vergessen möchte um es noch einmal mit all seiner Schönheit zu erfahren. Der Züricher Lorenz Langenegger hat uns ein Buch geschenkt in dem man Mitlaufen möchte, durch die Straßen von Bern, eine Stadt danach kennt und doch noch kennen lernen will, denn eine Reise drängt sich nach der Lektüre geradezu auf. Man möchte neben Walter im Zug nach Locarno sitzen und den Menschen begegnen die ihm auf seinem Trip über den Weg laufen. „Hier im Regen“ ist nicht nur ein passender Titel für das Buch sondern auch das Gefühl was es beschreibt. Es fließt wie die Aare und ist schlau aufgebaut, aber nicht konstruiert, eine Geschichte wird aufgebaut die sich nachvollziehbar weiterentwickelt und wie ein Film, Bilder im Kopf hinterlässt, die spannend erzählt wird mit Wendungen die nicht überraschen aber auch nicht vorhersehbar waren. Der 1980 geboren Lorenz Langenegger, der Mitglied der Autorengruppe Die Autören ist baut viele kleine beobachtete Menschlichkeiten ein dies sich richtig platziert in den Zeilen finden lassen, er mag die Menschen mit al ihren Eigenheiten, den einige hat er seinem Protagonisten mitgegeben. Das Buch ist eine glaubhafte Geschichte die unkompliziert zitiert wird. Die Frage ist also nicht warum man das Buch kaufen soll, sondern warum man es nicht wieder aus der Hand legen will und warum es nie enden darf.

__

Hans Waal "Die Nachhut" (Plöttner-Verlag)

Es geht um die Vergangenheit unseres Landes
Aber diesmal wird nicht der große Zeigefinger und Bertoffenheits- Zug abgefahren sondern eine Ironische Geschichte aus 3 Perspektiven und 4 verschiedenen Zeiten erzählt die sich aus dem unbeholfenen Ahnungslosen eines Außerirdischen in form und Uniform eines SS Mannes der mit 15. in einen Bunker gesteckt wurde und nun in heutiger Zeit das verwirrende Tageslicht zu Gesicht bekommt mit all seinen Neu und Neumodischen Erscheinungen die nicht in sein 1944 Bild passen.
Dann ist da noch die Politikerin, Leiterin der Soko Rex und 68.iger Aktivistin die von Ihrem Job überfordert und überlastet ist, die von Ihren Untergeben bevormundet wird und von Ihrem Vorgesetzten beschlafen, Ok das is schon ne Weile her aber es spielt noch immer nach. Diese Zwei Geschichtenerzähler aus Waals Buch treffen auf den Jungen Kameraassistenten vom Zweitklassigen Fernsehsender der seinem Alkoholiker Kameramann den Ton macht und sich neben bei dessen Respekt erspielt aber durch sein unbefangenes Umgehen mit der NS Vergangenheit auch schnell mal wieder verspielt. Und das ist auch das Dilemma was immer aktuell bleibt und den Roman dadurch unter Spannung hält, 3 Verschiedenalte Protagonisten und Ihr sie beeinflussendes Umfeld auf ihren Weg zueinander.
Ohne zuviel zu verraten es geht heiß her die Waffen der alten Männer und die der Frauen sprechen und die Jugend kommt auch zu Wort.
Perfekt das Generations- und Verdrängungsproblem auf den Punkt gebracht ohne einen Einheitsbrei daraus zu machen.

__

Feridun Zaimoglu "Liebesbrand" (Hörbuch (6 CD) - beiGoya Lit aus dem Hause Jumbo Neue Medien / Buch bei Kiepenheuer & Witsch Verlag

Liebesbrand ist die Geschichte eine Mannes
Die Geschichte einer Liebe, die Geschichte einer Reise eines Mannes zu einer Liebe.
Feridun Zaimoglu malt mit seinen Worten. Er weiß immer wo er hinwill auch wenn sein Erzähler das nicht so weiß. Alles beginnt mit dem Tod und endet im Ungewissen wissen das doch nicht alles umsonst war.
David lernte bei seinem Tod Tyra kennen und folgt ihr aus der Türkei nach Nienburg. Er findet etwas und verliebt sich noch mehr, es kommt zu dem was kommen muß.
Sex, in schöner Sprache erzählt ohne Peinlich oder vulgär zu klingen.

An solchen Etappen zeigt sich das schriftstellerische Können Zaimoglus das die ganze zeit Präsent ist, leicht fliest ohne langweilig zu plätschern. Er zeichnet eine Geschichte voll Zweifel voll Knisternder Erotik voll Zerwürfnisse, voll Möglichkeiten und voll spannender Chancenlosigkeit und Poesie Insgesamt ist das buch von feiner und offenherziger Beobachtungsgabe durch zogen.

Tyras Flucht nach Prag wohin der Erzähler ihr wieder folgt zeigt Verzweiflung in einer Stadt die man nur so malen kann wenn man sie liebt. Wer Prag kennt findet sich dort mit David an der Seite schnell zurecht, und kann auch die Neuen Person in diesem Dreigestirn das sich unabänderlich am Romanfirmament weiterdreht aufnehmen. Einen Showdown gibt es nicht, dafür ein angenehmes Ausklingen in Wien und ruhiges Bewusstwerden von David. Mit sich und der Welt.
Ein Freund kommt und er mag nicht mehr in Parks sitzen und noch viele andere Einklänge und Eindrücke die David in sich und seiner Umwelt findet werden nicht verraten.

Das Hörbuch wurde fabelhaft von dem Theater Schauspieler Stephan Schad gelesen der sauber mit seiner Stimme und den Stimmungen und verschiedenen Protagonisten arbeitet. Ein wunderbares Buch und ebenso schönes Hörbuch das ebenso wie Clemens Meyer den Leipziger Buchmessenpreis verdient hätte.

__

Joel Haahtelas „Der Schmetterlingssammler“ (Kurzbeschreibung)

Am frühen Morgen des 3. April, die Straßen waren noch feucht vom Regen, machte er sich auf den Weg zur Rechtsanwaltskanzlei. In der Manteltasche eines Verstorbenen, eines gewissen Henri Ruzicka, hatte man ein Testament gefunden, das ihn zum Alleinerben einsetzte. Den Namen Ruzicka hatte er noch nie gehört. Aber schon kurz darauf fuhr er hinaus aufs Land, um sich das Haus anzuschauen, das ihm der Fremde hinterlassen hatte. Es sah verwunschen aus, der Efeu wuchs bis übers Dach. Durch die offene Verandatür betrat er einen staubbedeckten Raum voller Bücher und mit einer beeindruckenden Schmetterlingssammlung. Wer war dieser Henri Ruzicka? Und welche Verbindung gab es zwischen ihnen? Der Ich Erzähler macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit des Schmetterlingssammlers und stößt dabei, wie sollte es auch anders sein auf seine eigen und auf die Suche des Herrn Ruzicka der wiederum auf der suche nach seiner Vergangenheit oder besser auf der Suche nach seiner Mutter ist.

Das Buch ist aber alles andere als Vorhersehbar oder Verwirrend, im Gegenteil, es verbirgt viele Zweige eines Baumes an dem beide Personen sich im Wurzelwerk irgendwann mal verhackt haben müssen. Und es ist leicht und ungezwungen geschrieben, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Über den Autor Joel Haahtela, Jahrgang 1972, lebt als Schriftsteller und Psychiater mit seiner Familie in der Nähe von Helsinki und wurde für seine bislang fünf Romane für den Runeberg- und den angesehenen Finlandia-Preis nominiert. »Der Schmetterlingssammler« ist Joel Haahtelas erstes ins Deutsche übersetzte Buch und weist ihn als zeitlosen, souveränen Erzähler aus.

__

­ ­Volker Surmann (Hrsg.) "Sex - von Spaß war nie die Rede" (Satyr-Verlag)

Eine Anthologie ist nach dem Griechischen eine Blütenlese - keine Falschgeldsammlung, sondern das Sammeln von Blumen. Oder sie ist eine Sammlung ausgewählter Texte verschiedener Autorinnen und Autoren, so belehrt uns das freundliche Wikipedia und hier trifft beides zu.

„Sex ist wunderbar! Richtig guter, total geiler Sex ist grandios und traumhaft euphorisierend – aber leider verdammt selten. Der meiste Sex ist schön. Oder recht schön. Ganz okay. Gegebenenfalls zweckdienlich. Doch es gibt auch den schlechten Sex, bei dem schief läuft, was nur schief laufen kann, wo man statt kommen lieber gehen will. Wer hat gesagt, dass es beim Liebesspiel nicht auch Verlierer gibt?“
Schreibt Volker Surmann (Kabarettist, Comedian, Autor, Vorleser und Mitglied der Lesebühne Brauseboys) selbst im Vorwort und dann beginnt man nachzudenken und man weiß, was jetzt kommt und liest trotzdem weiter.

„Schlechte Bücher über guten Sex gibt es wie Sand am Meer oder wie halt schlechten Sex im Leben aber gute Bücher über den misslungenen Akt haben gefehlt.“
(Hg.) Volker Surmann versammelt hier Beiträge von Martina Brandl, Katinka Buddenkotte, Micha Ebeling, Kirsten Fuchs, Uli Hannemann, Dr. Eckart von Hirschhausen, Jess Jochimsen, Andreas Spider Krenzke, Sarah Schmidt, Heiko Werning, Liv Andresen, Volker Backes, Christian Bartel, Christian Bartel, Paul Bokowski, Peter Düker, Kersten Flenter, Jan Gympel, Sarah Hakenberg, Anny Hartmann, Andreas Hauffe, Björn Högsdal, Michael Jakob, Jess Jochimsen, Marc-Uwe Kling, Sebastian Lehmann, Anselm Neft, Barbara Rademacher, Lars Ruppel, Thomas Paul Schepansky, Ilka Schneider, Dagmar Schönleber, Volker Strübing, Frank Sorge, Tube, Bente Varlemann, Nico Walser, Michael-André Werner, Gerlis Zillgens und Bernd Gieseking, und Volker Surmann selbst legt auch einigen Geschichten dazu.
Die Riege der Autorinnen und Autoren liest sich wie das „Who is Who“ der deutschsprachigen Lesebühnen -, Poetry Slam-, Comedy- und Kabarettlandschaft und man kann in den Texten nachlesen und diesen nachfühlen, dass der Dämon des Geschlechtsverkehrsdebakels auch vor sexuellen Orientierungen nicht Halt macht. Apropos Verkehr, da wären wir schon beim nächsten Pluspunkt, die Unterteilung.
Der Herausgeber hat die abgedruckten Werke seiner Kollegen noch mal in Verkehrskategorien unterteilt, zum Beispiel „ Pubertätskatastrophen“, „Verkehrspannen“ und „Montagsautos im Bett“. Die Texte beleuchten alle Schattenseiten und Glanzmomente, die ein nicht oder mehr schlecht als recht vollzogener Verkehr haben kann. Alles was wir nie erleben wollen, haben die Autorinnen und Autoren zusammengetragen und niedergeschrieben und noch einige Überraschungen warten da auf den Leser. Trotz all des Scheiterns, das uns umgibt, ist es das geworden was es werden sollte: eine kostbare Aufmunterung, den Kopf bzw. das primäre Geschlechtsmerkmal nicht hängen zu lassen, da wir an den Tiefen des menschlichen Seins erkennen, dass es ein Oben geben muss, das es anzustreben gilt und nie kann man schöner feiern bzw. lachen wie in der Krise. Spätestens, wenn wir unseren Kindern erzählen, was alles schon daneben gegangen ist oder weitere Anthologien sich ein Beispiel nehmen und sich vom langweiligen Glimmer des siegreichen Unfehlbaren abwenden, kann herzlichst gelacht werden. Das Buch eint wunderbare Storys von Textern, die sich durch den Comedy- und Lesungsdschungel hangeln und sich dem widmen, was wir als Menschen immer noch am besten können – versagen - und diese Blütensammlung bringt genau dies vortrefflich und humorvoll auf den Höhepunkt, der den Protagonisten der Geschichten mehr als einmal versagt geblieben ist.
Das Buch „Sex - von Spaß war nie die Rede“ ist die beste Lektüre zur Zigarette danach, die sich auf jeden Fall jeder verdient hat, der überhaupt an den Start gegangen ist.

Derzeit liegen keine Termine an.