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Smells Like Teen Spirit
1993 / Nirvane – Lithium / es riecht nach Teenager Schweiß /
In der Lehrlings-Wohnheim Disco / Alkoholverbot unter 18 / wir tranken Bier / Eine halbe Kiste / aus Schnapsgläsern / zu Viert / bis wir aufflogen /
und rausflogen.
Alice in Chains – Down in a Hole / es riecht nach Schnaps / in meinem Zimmer / Alkoholverbot auf der Stube / wir Vier tranken weiter /
aus den gleichen Schnapsgläsern.
Mother Love Bone - Crown of Thorns / wir liefen durch die Stadt / konzentriert ziellos / noch ohne Bierflasche / da es erst ab 2009 Pflicht wird / auf offener Straße eine mitzuführen / wir öffneten die Nähte neu / wenn die Mütter die Risse unserer Hosen / stopften und flickten / sich aber weigerten Patches auf unsere Westen und Karohemden zu nähen / unser Haar wurde länger / und das erste rassieren wurde verschoben.
Pearl Jam – Black / ich werde noch 1000mal / so von Musik berauscht sein / doch nie dieses mächtige erste mal vergessen / wenn die ersten Töne erklingen / I know someday you'll have a beautiful life,
I know you'll be a sun / Wie jedes „erste Mal“ lässt es dich nicht mehr los.
Sound Garden – Spoonman / 4 Jahre nach der Geburt des Grunge / 16 Jahre vor dem Film Pearl Jam Twenthy / wo ich Eddie Vedder und Chris Cornell zum ersten mal zusammen singen sehe / bei Temple of the Dog - Hunger Strike / da war das Album schon zum 1000mal durch gehört.
Nirvana - Pennyroyal Tea / es riecht nach Verzweiflung / ich sitze auf dem Flur / und heule wegen eines Mädchens / And The Winner is: Pearl Jam beim MTV Musik Video Award / ich trinke eine Flasche Whiskey / auf meinen 16. Geburtstag / und höre „Black“ und „ Jeremy“ / stundenlang, abwechselnd.
Black Sabbath - Paranoid / der Nacht Zivi gibt eine Unterrichtsstunde in Rockmusik / Sabbath, Hendrix, Zappa / ich kenne Led Zeppelin und Deep Purple /
ich werde versetzt / in die Grunge Klasse / und gehe Bier holen.
Zappa singt Bobby Brown / TV Verbot auf den Stuben / wir können keine Pornos in der Videothek ausleihen / aber P18 Action Filme / in der Erwachsenen Ecke schauen wir uns die Porno Cover an / Ich sah zwischen die Beine einer Frau bevor ich die erste geküsst hatte.
Wir tranken Guinness im Pup / bis halb 6 / Peter sang „Dirty old Town / 10 mal für uns / 6 Uhr standen wir in der Firma auf der Matte / blieben immer noch 15 Minuten für Duschen und Kaffee / am Tag darauf stirbt Shannon Hoon an einer Überdosis / auf MTV kam den ganzen Tag sein Lied / das dicke Mädchen / mit Brille und Bienenkostüm / No Rain von Blind Melon.
Red Hot Chilli Peppers - Under the Bridge / es riecht verboten / es wird Eimer geraucht / T.M. trinkt mit mir 2 Flaschen Rum / wir schlafen auf dem Fußweg / 8 Jahre bevor Layne Staley an Speedball stirbt / Auf einer Kirmes küsse ich ein Mädchen / mit geschlossen Augen / und gespitzten Lippen / auf den Mund / im Riesenrad ganz oben /
wegen ihr werde ich heulen / 2 Mal / wie für hunderte andere auch /
für eine werd ich ich den Lauf einer Gaspistole küssen / und am Abzug zweifeln / 2 Wochen vor Cobains Tod / 2 Wochen und 8 Jahre vor Layne Staleys Tod.
Unsere Schritte wurden tauber / unsere Arme schwerer / unsere Augen leichter / davor hätten wir die Welt verändern können / alles war Easy, wie ein Sonntagmorgen bei Faith no More / das wir 2000 noch leben würden / war ungewiss und nicht beabsichtigt.
Smashing Pumpkins – Disarm / The killer in me is the Killer in You / ich trinke ¾ einer Flasche Gin / pur, in 30 Minuten / und speie als hätte ich 2 gesoffen / 16 Jahre später werde ich eine Radiosendung machen / mit all diesen Songs / und diesen Text schreiben.
Stone Temple Pilots - Interstate love Song / es riecht nach Benzin / und Atomstrom wird abgeschafft / als die Songs als MP3 im Autoradio laufen / und jeder Ton ist ein Elektroschock / ein Denkmal aus Klang / ohne Wehmut / voller Glück und Unruhe / wie z.B Neil Young mit Pearl Jam – Keep on Rockin' in the Free World / und die Mirrorball LP / Cobains Abschiedsbrief endete mit den Worten von Neil Young / besser ausbrennen als zu verblassen / und kurz glimmt es noch mal auf / in der Erinnerungen / und es riecht nochmal / nach Teen Spirit
24.9.2011
Hauke von Grimm
Wie im Mag "OstKult" Ausgabe XI/2011 angekündigt
hier der Rest der Geschichte:
Kathys Schwalbe oder Schlafen in den Wolken
Wir standen vor Georg Maurer, zuvor hatten wir Lene Voigt aufgesucht und einen Abstecher zu Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer gemacht. Dessen Grabstein beeindruckte Marie sehr , obwohl wir wegen Walter Quecks Grabmal den Südfriedhof aufgesucht hatten. Jugendstil hatte sie in einer Vorlesung gehört und war Feuer und Flamme. Es fiel mir schwer, mich zu zügeln und sie auf die Aufgabe dieses Ortes aufmerksam zu machen, aber ich brachte es nicht über mich, ihren Enthusiasmus zu bremsen, der sie lachend von einer Begräbnisstätte zur nächsten eilen ließ. Nécropole, jauchzte sie, als sie eine eindrucksvolle Gruft entdeckte. Wir hatten das gesamte Areal mehr als drei Mal durchquert, als die Dämmerung die Beleuchtung des Völkerschlachtdenkmals in den Fokus meiner Begleiterin rückte. Auf dem Weg dahin teilte sie mir unter tief empfundenem Bedauern mit, dass die Friedhöfe in Frankreich schöner seien, als der eben bestaunte. Sie sagte, wie ich mich jetzt erinnere, nicht Friedhof, sondern Cimetière. Es hatte mich viel Kraft gekostet, ihre Manieren auf dem Totenacker nicht zu maßregeln, darum sei mir verziehen, dass ich ihr an dieser Stelle die Möglichkeit unterbreitete, diese dann doch in ihrer Heimat zu studieren und zu diesem Zwecke den nächsten ICE zu besteigen; in meiner niemals endenden Galanterie bot ich ihr an, sie directement zu einem der größten Kopfbahnhöfe Europas zu fahren. Dafür bekam ich das Wort Neofaschist an den Kopf geknallt und hätte ich nicht gewusst, was damit gemeint war, hätte ich es als Freude empfunden, wie jedes Wort mit ihrem charmanten Akzent ihre viel zu rot geschminkten Lippen verließ.
Die Straßenbahn hatte uns in Richtung Stadtrand gebracht und nach Besichtigung der Sehenswürdigkeiten sollte sie uns zurück in die Südvorstadt in eine beliebte Kneipe bringen , in der wir den Morgen in die Stadt einziehen sehen wollten. Nach dem eben geschilderten Wortwechsel beschloss ich nun, den „Plan A“ mit einem Spaziergang auszutauschen. Nachdem wir vom höchsten Punkt des Völkis, den man außerhalb der Öffnungszeiten aufsuchen kann, die Skyline von LE bewundert hatten, die man nur sehen kann, wenn man mit allen zur Verfügung stehenden Händen die Bestrahlung abschirmt, führte ich sie unter Einweihung in mein neu beschlossenes Vorhaben in die Schönbachstaße. Anfangs passierten wir noch schicke Einfamilienhäuser und Villen, doch je weiter wir bergab gingen, desto tiefer sank der Quadratmeterpreis. An Mietskasernen entlang kamen wir an der Ecke zur Holzhäuserstraße an der Marktgalerie vorbei, wo Wollenberg und Tanner an diesem Abend den Steppenwolf zum Besten gaben. Aber wir gingen weiter hinab, wo alte und sanierte Wohnhäuser stehen. An der Schreinerei blieb ich stehen. Hier sei die letzte Worchdemo vorbeimarschiert, sagte ich, neun Neofaschisten und 50 Polizisten. Ein Freund, der im Haus wohnte und die Prozession die Straße hinauf rennen sah, berichtete von einem erschöpften, übergewichtigen Nazi, der die Polizei anflehte, langsamer zu gehen. Die Antwort gab ihm zu verstehen, dass weitergejoggt wird werde, weil sonst die Demogegner vor ihnen am Völkerschlachtdenkmal seien und dann der Rückweg länger dauern würde, wodurch das Mittagessen nicht bei Frau und Kind eingenommen werden könnte.
Als Worch verkündete, für alle Zeit fern zu bleiben, war die Freude groß, bis die Freien Kräfte mit 500 Neofaschisten bei einer Demo für ein vermisstes Mädchen mit ihrem Slogan „ Todesstrafe für Kinderschänder“ um die Gunst der Bevölkerung buhlten. Aber die Schönbachstraße hätte nicht nur braune Zeiten hinter sich. Nach einem Konzert am Völki hatte ich die betrunkene Freundin meines Bruders auf ihr Richtung Schwarzackerstraße getragen oder besser auf ihren Highheels balanciert. Wir hatten uns im Getümmel aus dem Blick verloren und als ich sie fand, hatte sie sich aus Frust am Bierwagen festgetrunken. Der junge Mann am Zapfhahn hatte ihr Rabatt eingeräumt, als er eine Chance witterte, dass sie nach dem Konzert noch dort stehen würde. Das glaubhafte Versichern, es wäre meine Schwägerin, was die Dame bestätigte, brachte ihn davon ab, seine Trophäe zu verteidigen.
Jener Freund, der gegenüber der Schreinerei und des anhängenden Altpapierhandels wohnte, berichtete, dass man auch mit ca. einer Tonne alter Zeitungen einen BMW Kombi tieferlegen kann. Das besagte Gefährt hatte nur noch Platz für den Fahrer, als es seinen Inhalt ummünzte. Außerdem erzählte er, der Obermieter hätte ein Vorliebe für Volksmusik, welche er durch lautes, durchhaltendes Mitklatschen bei geöffnetem Fenster der ganzen Nachbarschaft mitteilte. Die Hausbewohner hatten irrtümlich ihn und seine beeindruckende sexuelle Ausdauer im Verdacht gehabt.
Wenn man unten angekommen sei und nach rechts auf der Papiermühlenstraße weitergehen würde, sagte ich, käme man zur schon erwähnten Schwarzackerstraße und zur Wohnung der Freundin meines Bruders. Marie zeigte sich von unserem Ausflug und meinen Stadtführertalenten angetan und lauschte meinen Ausführungen gespannt. Ich erzählte, dass mir bei einem Besuch in jener besagten Straße einmal ein Schauspiel geboten wurde, von dem man, sehe man es im TV, behaupten würde, dass sich so etwas nur ein mittelklassiger Drehbuchschreiber ausdenken könnte. Ein Mann flehte und fluchte und bettelte und wetterte und schwor und schimpfte seine Frau bzw. Exfrau an, ihm Eintritt zu gewähren.
Als die Konversation von ihr an der Gegensprechanlage für beendet erklärt wurde, begann sie durch ein von ihr geöffnetes Dachfenster von neuem. Der von ihr herausgeschleuderte Kleidungssack entfachte die Liebe, Wut und Kampfeslust des Exmannes auf ein Neues. Vermutlich hatten einige Todesdrohungen zwischen den Besserungsangeboten sie veranlasst, für das baldige Eintreffen der Ordnungshüter zu sorgen.
Wir bogen nach links ab, um zur Holsteinstraße zu gelangen. Dort hatte Kathy, und dieser Name wird englisch ausgesprochen, einen Mauersegler gefunden. Alle, die eine Hilferuf-SMS erhalten hatten und die kleine Wohnung stürmten, hielten das verschüchterte Tier für eine Schwalbe, doch Kathy hatte sich belesen und im Netz Rettungsmaßnahmen recherchiert. Es wurde ein Überwachungs- und Fütterungsplan mit verschiedenen Teams aufgestellt und bei einem Briefing lernten alle alles über Mauersegler. Diese schwalbenähnlichen und nicht verwandten Segler leben mehrere Monate, und zwar alle außerhalb der Brutpflegezeit, in der Luft. Ein Leben nur in den Wolken, schlafen beim Fliegen und fliegen beim Schlafen. Kathy war aus Bristol in unsere sächsische Perle, das Paris von Ostdeutschland, gezogen.
Ein Gleichnis, was hinkte, wie mir Marie oft versicherte und dabei ein Arsenal von Straßennamen und Orten als Argumente wie einen Bombenteppich auf mich niederprasseln ließ. Kathy aber fand es einen charmanten Vergleich und ließ ihn gelten. Sie beteuerte auch mantraartig, dass ein Mauersegler auf der Straße ein Great Disaster sei.
Und dass so etwas einem Eurasian Swift, never im Leben zustoßen dürfe. Wir kümmerten uns in unseren Schichten aufopfernd und rührend um „Hansi“, so war das neue Mitglied unserer Gemeinschaft getauft worden.
Ich musste, um bei der Wahrheit zu bleiben und auf die Gefahr hin, dass große Kullertränen Maries Kajal versauten, vom fast vorhersehbaren Tod des kleinen Seglers berichten. Als die Tränen getrocknet und das Make-Up gerichtet waren, erklärte mir eine bewegte kleine Französin, dass unsere Gruppe einen Freund verloren, aber an Zusammenhalt gewonnen habe. An diesem Punkt war dann ich den Tränen nahe und hätte ich sie nicht geküsst, hätte ich mir das mein Leben lang vorgehalten.
Wir erreichten gut gelaunt die Oststraße an den Reudnitzer Terrassen, ein Gebilde was ich mir und Marie nicht erklären konnte, so dass wir etwas ratlos kurz darauf vor dem großen, roten Backsteinkarree an der Ecke Riebeckstraße standen. Dazu könnte ich was erzählen, sagte ich, da hätte ich zwei Jahre mit „Bemme“ gehaust. Das weckte die Neugier meiner einzigen Rundgangsteilnehmerin und wir lehnten uns innen an die alte, dreckige Wand und schauten zu dem Fenster, aus dem einst Qualm stieg, als ich eines nachts nach Hause kam, um meinen Mitbewohner tief schlafend, in Morpheus' Reich vorzufinden, während die Zwiebeln, die er noch angebraten verspeisen wollte, ebenso rot glühten, wie die Pfanne, die sich der gusseisernen Herdplattenform angepasst hatte. Wir Männer hatten schnell gemerkt, dass diese Absteige nur zum Unterstellen unseres Mobiliars und des Verweilens unserer Leiber, bei Nacht, diente aber niemals mit Frauenbesuch gesegnet werden dürfe, wenn dieser erfolgreich enden sollte. Einige Experimente bewiesen unsere Annahme immer wieder.
Die Küche war zum Teil Kochgelegenheit und zum Teil Fahrradwerkstatt, je nachdem, wo man das Werkzeug bzw. die Kochutensilien abstellte. Wir unternahmen viel mit Fahrrädern, weil wir beide für längere Zeit mit ohne Führerschein ausgestattet waren. Ich erzählte Marie, dass es Zeiten gab, wo fast alle belegbaren Flächen in der Wohnung mit Leergut beparkt waren und dass die Tankstelle um die Ecke nicht erfreut war, wenn wir das ändern wollten. Meinen Worten wurde aufmerksam gelauscht und der ein oder andere prüfende Blick wollte ergründen, ob ich mich zum Besseren gewandelt hätte. Um vom Thema abzuschweifen erklärte ich ihr, als wir in den Täubchenweg einbogen, vom nahegelegenen Lene-Voigt-Park, wo man von Hundekot bis Kultur alles geboten bekam, vor allem Ruhe zwischen den lauten Wohnschluchten. Am Rand dieses Parks liegt das von mir sehr geschätzte „Ronald McDonald Haus“, eine Einrichtung, die Müttern eine Möglichkeit bietet, bei ihren Kindern zu wohnen, die im Kinderkrankenhaus, eine Straße weiter, behandelt werden. Dass eine Bekannte von mir in den Genuss dieses Hauses gekommen war, berichtete ich, und dass bei einem Besuch dort die Stiftung des Burgerkönigs noch mehr mein Wohlgefallen fand.
Auf dem Täubchenweg, der eigentlich eine vielbefahrene Tangente dieser Stadt ist, führte ich die Dame in eine urige Institution, die einmal für den Wegfall meines Führerschein mitverantwortlich war. Die Substanz. Viele Jahre haben Bemme und ich hier die Zeit totgeschlagen, um nicht in unsere vier Wände zu müssen. Nach einem Bier und einem trockenen Franzosen und einigen gewechselten Geldstücken und Worten passierte unser nächtlicher Ausflug das Kaufland, das wir zur Dresdner Straße hin hätten durchqueren können, wenn es nicht schon geschlossen gewesen wäre. Dafür besuchten wir das 4Rooms und ich erfuhr, dass mein Kickerspiel schlechter und ihres besser war, als wir beide angenommen hatten. Dann musste ich ihr unbedingt in der Breitkopfstraße den Spielplatz zeigen. Ein Klettergerüst aus Stangen, Seilen und Knoten, ca. 10 Meter hoch und bei Nacht ist es noch schöner oben zu sitzen als am Tag. Träge rumorte der Verkehr auf der Dresdner und die letzten Kinobesucher verließen das Regina. Dort hatte ich mit meinem Bruder und noch ein paar Verrückten SAW, Teil 1 bis 5, zur Vorpremiere mit Rockband und Gulaschbuffet erlebt. Mein Bruder und ich hatten jeder einen Rucksack mit Chips, Schokolade und Cola dabei, außerdem kauften wir uns für diesen Moviemarathon extraweiche Sitzkissen, um die uns die Hinterteile anderer sehr beneideten. Wir stiegen an der Ecke Gerichtsweg in die letzte Straßenbahn ein und wollten schwarz bis ins Zentrum fahren, da fiel mir ein, dass einer der Verrückten von der SAW-Session auf der anderen Ecke der Kreuzung eine Kneipe aufgemacht hatte. Ein älterer verwirrter Herr hatte einen Disput mit dem Bahnfahrer und stand dafür mitten auf den Gleisen vor der Fahrerkabine und schrie ihn an, da er kein Geld habe, müsse er ja schwarz fahren und er bliebe da stehen, bis er befördert werde. Dies kam uns zugute da die Bahn schon abgefahren wäre, bevor ich mich an das „Geigers Rätsel“ erinnern konnte. Im Lokal war noch Licht und durch die Scheibe konnte ich den Chef persönlich am Tresen stehen sehen. Also traten meine reizende Auserwählte und ich ein, auf ein letztes Glas Bier vor dem Morgengrauen.
26.8.2011
Hauke von Grimm
Irgendwann
Irgendwann hat sich die Anzahl der Arschlöcher
So oft potenziert das du mit zählen nicht mehr nachkommst
Und sich die paar ordentlichen Typen
Zu merken auch nicht mehr lohnt
Irgendwann hat dein Fernsehgerät
So oft, so viele Andere verrecken lassen
Das die Eine Millionen mehr oder weniger nicht juckt
Und du dir bei 20 Millionen mehr, immer noch unsterblich scheinst
Irgendwann hast du das Wort Fotze
So oft und so laut gesagt und gehört
Das es dir vorkommt wie JA und NEIN
Und wie ein HALLO über die Lippen geht
Irgendwann hat dein Chef
Dich so oft verarscht und du gebuckelt
Das ihr beide glaubt das du darauf stehst
Und du eigentlich auch seine, ach vergiss es
Irgendwann hat deine Hand
So oft nach deiner Alten geschlagen
Das du glaubst ihr macht das nichts mehr aus
Und du mal was härteres ausprobieren könntest
Irgendwann ist so oft, zu oft
Und du willst mal austeilen
schaffst es aber bloß bis zum Bierkasten
Und denkst das es Irgendwann von alleine aufhört
zu oft zu sein
6.12.o9
HvG
[Fußnote: häusliche Gewalt wird zu gleichen Teilen von Männern und Frauen ausgeübt. Zahlreiche Studien belegen dies.]
__
Abwesenheit von Geräusch
Stille müsste ein Gefäß sein
um den Hals
aus dem trinke man
den Verlust der Klänge
das versagen von Lauten
klar und rein
geschöpft aus einem Brunnen
tief unter Fels
Die Stille müsste eine CD sein
die man einlegt
einschaltet, abspielt
und alle Töne wären
von ihr übertönt
Stille müsste ein Gefühl sein
wie Traurigkeit
oder Freude
wenn auf bestimmte weise
das Herz gerührt wird
empfindet man
tiefe oder große
Stille
13.6.o9
HvG
__
Radio
An den Schritten erkennt man die Menschen, so wie sie sich nie sehen würden. Ob sie in Eile sind oder sich Zeit lassen oder nehmen. Ob sie in Gedanken sind oder ein festes Ziel haben. Schritte erzählen nicht viel über unwichtige Dinge wie die Hautfarbe oder welches Auto man fährt, vielmehr können sie vom Stand des Menschen berichten und über seinen Charakter und seine Empfindungen.
Am Gang erkennt man, ob man wahrgenommen wird oder ob die Anderen keine Augen für das Rundherum haben.
Wenn sie den Raum betrat, wusste er alles über sie und vieles über sich. Er erkannte daran wie sie ging, ob sie ihm etwas schönes mitteilen würde und ob er es mit ihr teilen könne oder sich nur für sie freuen solle, ob sie eine Frage zu ihm bringen würde und ob sie für ihn leicht oder schwer zu beantworten sein würde, ob sie sich um ihn sorgte oder ob er sich um sie Gedanken würde machen müssen, ob ihr etwas schlimmes widerfahren war oder ihr noch bevorstehen würde. Er wusste es immer schon, bevor sie an seinem Rollstuhl stand und ihm ihre Hand auf den Arm legte.
Man kann seine Mimik und Gestik so verändern und spielen, dass ein Gegenüber getäuscht wird, dafür muss man nicht mal ein begnadeter Schauspieler sein, nur genügend Menschen in Aktion erlebt haben. Die Gesellschaft lehrt ihre Kinder sehr schnell und gründlich, wie sie sich zu verhalten haben, um in dieser Welt nicht aufzufallen oder anzuecken. Wie man auszusehen hat und wann ein Lächeln oder eine Faust Türen öffnet oder schließt. Es ist möglich, seine Stimme nach jeder Gemütslage klingen zu lassen und die Umwelt zu falschen Annahmen zu führen, doch die Schritte verraten einen, genau wie sein Atem.
Die meisten Menschen sind bei Licht damit beschäftigt, ihrem Umfeld eine Oberfläche vorzuspielen, die soviel Konzentration erfordert, dass keine Zeit und keine Anstrengung darauf verwendet wird, seinen Gang oder seine Atmung zu regulieren. Im Dunkel aber achten sie vermehrt auf jedes Geräusch.
In der Dunkelheit, in der er zu leben verdammt ist, sind Geräusche das Einzige, was ihm erzählen kann.
Oft lasen seine Finger ihre Tränen, die er kommen sah, noch vor seinen Händen, noch vor ihr. Er hatte aufgehört, sich das Datum zu merken und wann er hierher gebracht wurde, es war bedeutungslos wenn man nicht wusste, wie viel Zeit noch vor einem lag. Nur Ziele vermögen es Hoffnung zu schüren, Ziele, die ein Ende oder einen Anfang von etwas zeigen - warum sollte man auf etwas hoffen und warten, das man zeitlich nicht benennen kann? Darum wusste er auch nicht, wie lange sie ihn schon besuchen kam und wie oft ihre Tränen das Einzige waren, was sie daließ. In der Zeit, in der sie nicht da war, kreisten die Gründe in seinem Kopf, warum er ihr nicht alles sagen sollte. Die Zeit in der sie fehlte, empfand er als länger und somit unangenehmer als die gemeinsame. Auf ihr Eintreffen zu warten hatte er sich - wie das Datum - abgewöhnt. Er wünschte sich nicht, dass sie traurig ist, auch wenn dann sein Finger ihr Gesicht berühren durften und ihre Hand mehr als nur seinen Arm ergriff; er wünschte sich für sie Glück und Freude, auch wenn sie dadurch ferner war.
Manchmal könnte ihr Kommen und Gehen ihn aus dem Gleichgewicht bringen, und er würde es nicht als froh bezeichnen, aber beruhigend, dass er in diesem Ding saß, denn seine Tritte konnten schon lange nichts mehr über ihn sagen.
Was nützten seine Wünsche in ihrem Leben, fragte er sich, und was wären er und sie, wenn er nicht hier bleiben müsste. Wer wäre er, wenn sie nicht mehr kommen würde, wenn es nichts mehr gäbe, für das man sich das Warten aus dem Kopf schlagen müsste. Wenn das Lauschen in die Flure, Treppenhäuser, anderen Zimmer und das Klappern beim Mittagsessen alles ist was bliebe.
Die viele Wahrheit, die die Menschen unter ihren Sohlen verborgen glaubten, schmerzte ihn. Dann würde er gern aufstehen und hin oder weggehen. Doch er tauchte unter die Kopfhörer seines Radios und suchte ein Rauschen zwischen den Sendern, ein Rauschen wie Regen oder wie Meer.
2.11.o9
HvG
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Tunichtgut und Habenix
Mhm alles Scheiße Zuhause Langweilig wie Sau Blick in die Zeitung Im Dingsda is Lesung Umsonst na ja Eintritt frei heißt das bei denen hoffentlich was lustiges wäre gut, wegen Zustand vorher Pflichtvorglühen billiges Bier muss rann Plaste von Penny is billiger aber Sterni vom Kiosk näher liegt aufm Weg unterwegs Dope fürn Zwanni wegen Zustand vorm Dingsda was rauchen Bier im Gebüsch verstecken
Früher war Lesung noch im Irgendwo war besser dort
konnte man Bier mit reinschmuggeln ging aber irgendwie schnell Pleite der Laden war eigentlich immer schön da
Es geht los am Anfang so’n Typ mit langweiligen Gedichten Anfänger mit Lispeln is nur bisschen lustig dann so ne Frau
mit Anspruchsvollen Mist da konnte man schön quatschen
und in der kostenlosen Zeitung blättern die hat sich oft verlesen
konnte man gut sehen erste Reihe und so zwischen durch immer mal wieder raus was rauchen und Bier wegen Zustand dann endlich ein witziger Typ vor lachen auf Schenkel gekloppt auf alle auch seine Mensch der war gut dann Böse geguckt als der Hut rumging Habenix hatte nix mit Tunichtgut hat 13 Cent reingelegt in kleinen Münzen und 15 Euro rausgefischt in kleinen Scheinen Strafe muß sein stand ja Umsonst dran drausen trotzdem guter Fang sonst liegt meist nur Mosch drin alles Geizkragen alle gibt nichmal Freibier wenn so lustig is und dann noch Hut Halsabschneider alle und dann wolln die keine Lesung mehr machen lohn sich nich meinte der Chef soll sich schämen aber machtnix hamm ja jetzt Kohle für den Spätshop ab ins Anderswo vorher was rauchen und Bier verstecken hier spielt heut ne Lokalband da is mehr im Hut.
12.6.o9
HvG
